Religiöse-Festtage

DIE GESCHICHTE UND BEDEUTUNG DES VARTEVAR-FESTES

Das Hochfest

Alljährlich feiert die Armenische Kirche 14 Wochen oder 98 Tage nach dem Ostersonntag das Fest der Verklärung Christi, im Volksmund „Vardavar“ genannt. (Dieses Jahr fällt es auf den 15. Juli). Dieses Fest, das eines der 5 Hochfeste der Armenischen Kirche ist, vereinigt in sich, wie auch viele andere kirchlichen Feste, das Religiöse und das Volkstümliche.

Im christlichen Sinne wird bei diesem Fest an ein wichtiges Ereignis im Leben unseres Herrn erinnert (Siehe Matthäus 17, 1-8; Markus 9, 1-7; Lukas 9, 29-36 sowie 2. Petrus 1, 17-18).

Das Ereignis findet im letzten Abschnitt des irdischen Lebens des Herrn statt. Vor diesem Ereignis hatte Christus mit seinen Jüngern über seinen baldigen Tod gesprochen, der seine Jünger in Verzweiflung und Ungewissheit versetzte. Die Ankündigungen Jesu waren sehr pessimistisch. Die Jüngern wollten ihren Ohren nicht glauben: „Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen“ (Matt. 16, 22). Aber der Herr kündigte auch für sie einen dornigen Weg an: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Matt. 16, 24). Sicherlich waren die Jünger in einer großen Verzweifelung. Und eine Woche nach diesem Gespräch geschah das herrliche und wundervolle Ereignis der Verklärung des Herrn auf dem Gipfel des Berges Tabor. (Die Evangelisten erwähnen den Namen des Berges nicht, aber im Frühchristentum war die Annahme verbreitet, dass es auf dem Berg Tabor geschehen sein soll. Petrus nennt es „Heiliger Berg“).

Der Evangelist Matthäus berichtet: „Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihren Augen verwandelt; sein Gesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden blendend weiß wie das Licht. …Eine leuchtende Wolke warf ihren Schatten auf sie, und aus der Wolke rief eine Stimme: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich gefallen gefunden habe; auf ihn sollt ihr hören“ (Matthäus 17, 1-2, 5). Mit diesem letzten Satz begann das 3-jährige Amt Christi auf Erden mit seiner Taufe im Jordan (Siehe Matthäus 3, 17). Dieser Satz wird bei seiner Verklärung wiederholt, und somit die göttliche Macht und Herrlichkeit des Herrn bekräftigt. Und die Jünger waren Zeugen dieses herrlichen und wunderbaren Ereignisses und „sahen sie ihn in seinen ganzen Hoheit“ (Lukas 9, 32) und verkündeten es.

Zum Vardavar-Hochfest wird der Hymnus (Scharakan) „Du, der Du auf dem Berg verklärt bist und deine göttliche Macht zeigtest“ gesungen. Der Hymnus ist höchstwahrscheinlich vom Hl. Movses Khorenatzi, im 5. Jahrhundert geschrieben.

Das Datum des Festes

In der Anfangszeit wurde das Fest der Verklärung Christi in der Armenischen Kirche am Neujahrstag der alten Armenier im ersten Monat Navasard, also am 11. August begangen. Später wurde das Fest der Verklärung, auf Grund der kalendarischen Veränderungen, 14 Wochen nach Ostern als ein bewegliches Fest gefeiert. Sein genaues Datum ist vom Ostertermin abhängig und hat 35 Tage Beweglichkeit. Man feiert es zwischen 28. Juni und 1. August an einem Sonntag.

Für die Vorverlegung des Datums spielte höchstwahrscheinlich auch das Datum des Hochfestes „Aufnahme Mariens in gen Himmel“, das die Armenische Kirche bekanntlich an einem Sonntag zwischen 12. und 18. August feiert. Mit der Änderung des Datums des Verklärungsfestes erreichte die Kirche, dass es zwischen zwei wichtigen und großen Kirchenfesten ein zeitliches Intervall geschafft wird. Die Römisch-Katholische und Byzantinisch-Orthodoxen Kirchen feiern das Fest der Verklärung des Herrn immer am 6. August.

Wie es bei den übrigen 4 kirchlichen Hochfesten auch ist, gedenkt die Armenische Kirche an dem drauffolgenden Tag der Entschlafenen.

Das Wort ”Vardavar”

Die genaue Bedeutung des Wortes „Vardavar“ ist nicht bekannt und wird sehr unterschiedlich erklärt.

Laut einigen Sprachforschern besteht das Wort „Vardavar“ aus zwei alt-persischen Wörtern. „Vard“ bedeutet alt-persich „Wasser“ und „Var“ bedeutet „bespritzen“ oder „waschen“. Sie behaupten, damit eine Erklärung für die weit verbreitete Bespritzung mit Wasser gefunden zu haben.

Die anderen meinen, dass „Vardavar“ etwa „Feuerbrand“ bedeutet. Als Grund dieser Erklärung dient die Tatsache, dass die Sonne in Armenien im Juli ihren höchsten Standpunkt erreicht, und die Natur wird unter den heißen und brennenden Strahlen der Sonne verbrannt und trocknet aus. Aus diesem Grund bespritzten sich die Menschen mit Wasser und baten Götter um das Wasser.

Andere Sprachforscher bringen das Wort „Vardavar“ mit der Göttin Astghik in Verbindung, die auch „Vardamatn“ hieß, weil sie Rosenfinger hatte. Und sie meinen, dass der Wortstamm von „Vardavar“ das armenische Wort „Vard“ (Rose) ist. Rosen schenkend und Rosenwasser besprühend verbreitete Astghik Liebe in Armenien und der kraftarmige Vahagn verteidigte diese Liebe stets kämpfend gegen das Böse, denn ohne Liebe wird die Natur mit Dornen und Stacheln übersäet.

Eine schöne und interessante armenische Geschichte erzählt über die Entstehung der roten Rosen: Eines Tages hört Astghik die traurige Nachricht von der tödlichen Verletzung ihres Geliebten und eilt barfüßig zu ihm. Auf dem Weg tritt sie auf dornige Rosenbüsche und mit dem Blut ihrer verletzten Füße färben sich die Rosen rot. Und so entsteht die Blume der Liebe – die rote Rose.

Laut den Kirchenvätern bezeichnet man das Fest der Verklärung des Herrn im Volksmund auch als „Vardavar“, weil der Herr mit der Rose verglichen wird. Wie die Schönheit der Rose bis zur Blüte in ihrer Knospe verborgen bleibt, so hatte auch Jesus bis zur Verklärung den Glanz seiner Gottheit in sich. Und wie die Rose blühend ihren Glanz und ihre Schönheit öffnet, so strahlt auch Jesus durch die Verklärung seinen Glanz und die göttliche Herrlichkeit. Und wie die Rose angenehm duftet, so duftet durch seine Verklärung der göttliche Wohlgeruch des Herrn.

Wie die Rose unter den Dornen wächst, so erschien unser Herr unter den ihn ablehnenden und abweisenden Ungläubigen, die ihn gekreuzigt haben.

Volksbräuche zum Vardavar

Da das Verklärungsfest oder „Vardavar“ oft in den Juli fiel, nahm es allmählich den Platz der Feierlichkeiten ein, die in der armenischen Mythologie der Liebes- und Schönheitsgöttin Astghik gewidmet waren. Obwohl durch das Fest der Verklärung dieser Tag eine andere Bedeutung und einen anderen Sinn erhalten hat, blieben dennoch die Volkstraditionen und einige heidnische Bräuche im Volksgedächtnis wach.

Bis zum heutigen Tage ist es bei unseren Landsleuten Tradition, am Fest der Verklärung Christi (Vardavar) unterschiedliche Volksfeste und Wettkämpfe zu veranstalten, einander mit Wasser zu bespritzen, Tauben auffliegen zu lassen und einander Rosensträuße zu schenken u.s.w.

Die traditionelle armenische Erzählung bringt die gegenseitige Bespritzung mit Wasser und das Auffliegen lassen von Tauben mit der alttestamentlichen Sintflut und mit Noah zusammen. Es wird erzählt, dass Noah, als er nach der Sintflut vom Berg Ararat hinabsteigt, anordnet, dass sich seine Söhne mit Wasser bespritzen und diesen Brauch von Generation zu Generation weiter geben, als Zeichen der Erinnerung an die Sintflut. Auch das Auffliegen lassen von Tauben verbindet man mit Noah. Die Bibel berichtet, dass Noah eine Taube fliegen ließ, um das Ende der Sintflut fest zu stellen (Siehe Genesis 8, 8). Mit dem Auffliegen lassen von Tauben am Vardavar-Fest erinnern die Armenier an die Sintflut und Noah. All diese schönen Bräuche, die in der vorchristlichen Zeit verbreitet waren, hat die Armenische Kirche nicht abgelehnt, und sie haben ihre Existenz auch in der christlichen Zeit fortgesetzt.

Namenstage zum Vardavar

Der Vardavar-Tag ist der Namenstag der folgenden armenischen bzw. von den Armeniern gebrauchten Namen: Vartavar, Vartkes, Varteres, Vartuhi, Varteni, Vartanush, Vartiter, Varvaré, Vart, Alvart, Nivart, Lusvart, Sirvart, Baydzar, Roza, Badrig.


Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel (Asdvazazin)

von Archimandrit Serovpe Isakhanyan

Das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel (arm. Werapochumn Surp Astvadzadzni) ist eines der 5 Hochfeste der Armenischen Kirche. Dies ist der Fall, weil die Mutter Gottes als „Mutter unseres Herrn und Heilands Jesus Christus“ für das Christentum und für die Armenische Kirche eine der größten Heiligen ist.

In der Armenischen Kirche wird das Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel alljährlich am Sonntag, der dem 15. August am nächsten ist (wenn der 15. selbst nicht auf einem Sonntag fällt), gefeiert. Also zwischen dem 12. und 18. August. Andere Kirchen feiern dieses Fest am 15. August, unabhängig davon, ob es auf einen Sonntag fällt.

Nach der Kreuzigung Christi wohnte Maria gemäß des Auftrages Christi (s. Johannes 19, 26-27) bei dem Apostel Johannes und genoss dort seine liebevolle Fürsorge. Sie verbrachte ihre Zeit im Gebet und Fasten und besuchte oft das Grab seines Sohnes. Während eines dieser Besuche erscheint ihr der Erzengel Gabriel und verkündet ihr über ihren baldigen Übergang vom irdischen in den himmlischen Jerusalem. Maria teilt diese Nachricht den Aposteln mit und bittet sie, sie im Garten von Getsemani zu begraben.

Vor dem Tod bittet die Hl. Jungfrau Johannes, eine Eucharistiefeier abzuhalten, um ein letztes Mal die Hl. Kommunion zu empfangen und sich von allen zu verabschieden. Während der Verabschiedung wird das Zimmer mit einem unsagbarem Licht gefüllt und in diesem Licht erscheint ihr Jesus Christus.

Maria stirbt in Jerusalem 15 Jahre nach der Kreuzigung. Bei der Bestattung ihres Leichnams waren alle Apostel, außer Bartholomäus anwesend. Ahnend, dass Bartholomäus von der Nachricht ihres Todes sehr betroffen sein wird, übergab Maria dem Apostel Johannes ihr Bild mit der Bitte, es Bartholomäus zu geben. Bartholomäus gab sich jedoch mit dem Bild nicht zufrieden und bestand darauf, nach seiner Rückkehr nach Jerusalem Mariens Leichnam zu sehen. Die Apostel gingen erneut zum Grab, fanden aber ihren Leichnam nicht. Sie erinnerten sich an die Worte Christi, dass Maria den Tod nicht erleben, sondern in den Himmel auffahren wird. Das armenische Wort „Werapochum“ bedeutet „aufwärts gen Himmel fahren“.

Wie der armenische Geschichtsschreiber Movses Chorenatzi (5. Jh.) berichtet, hat der Apostel Bartholomäus das Bild Mariens mit sich nach Armenien gebracht. Es wurde im historischen Armenien im Nonnenkloster „Darbnotz Kar“ in der Provinz Antzewatziatz aufbewahrt.

Wie oben erwähnt ist für die Armenische Kirche Maria, die Mutter Gottes, die am höchsten geehrte Heilige und die erste „Fürsprecherin“ aller Gläubigen. Zahlreiche Lobeshymnen und Lieder sind ihr gewidmet und mehrere Kirchen in Armenien sowie in der Diaspora sind nach ihr genannt.

Anlässlich des Festes Maria Himmelfahrt werden in unseren Kirchen auch Weintrauben gesegnet, mit anderen Worten, die Jahresernte wird gesegnet. Diese sehr alte Tradition wird nicht nur von den Armeniern gepflegt, sondern auch von anderen Völkern. Ein Armenier schenkte dem Tempel seine erste Ernte als Zeichen seiner Dankbarkeit und Anerkennung. Die heutige Traubensegnung stellt die Bewahrung dieser Tradition unserer Vorväter in der christlichen Kirche dar. Die Armenische Kirche bevorzugt die Weintraube als Symbol, weil Christus sich selbst mit dem Weinstock identifizierte. Ferner wird der Wein aus Trauben hergestellt, den Christus bei seinem letzten Abendmahl mit seinem Blut gleichsetzte und somit das Sakrament des Abendmahls (die Eucharistie) gründete, das wir heute in jedem Gottesdienst feiern. Dafür wird nur reiner Wein (ohne Beigabe von Wasser) verwendet. Auch nach der Trauung wird den Neuvermählten gesegneter Wein gereicht.

(Karekin I., Katholikos Aller Armenier, „Erkenne Dich selbst“)

Es ist bei den Armeniern Tradition, vor dem Fest Maria Himmelfahrt und der Traubensegnung keine Weintrauben zu essen. In diesem Zusammenhang halte ich es für angemessen, die Worte des Katholikos, Karekin I. zu zitieren: „Traditionen sind die verbindenden Elemente der Identität der Völker, die, wenn sie ignoriert, vergessen oder verachtet werden, Farblosigkeit bewirken und Entstellung der Identität dieser Völker hervorrufen….

Im Ausland, wo die Armenier in der Verstreuung leben, können sie sich keine geistige Zerstreuung erlauben. Mit anderen Worten, man sollte keine Haltung der Gleichgültigkeit und des selbstzerstörerischen Übersehens gegenüber den eigenen heimatlichen Traditionen an den Tag legen. Halten wir mit der Welt Schritt, ohne aber von unserem Weg abzukommen….

Du begehst keine Todsünde, falls Du vor dem Fest zur Maria Himmelfahrt Trauben isst, und Du würdest auch nicht zur Hölle verdammt…Wenn Du solange wartest, bis die Kirche diese Trauben segnet, würdest Du nicht einmal eine Haaresbreite von der voraneilenden Welt zurückbleiben. Wenn Du aber entscheidest, Trauben nicht zu essen und es Dir nicht peinlich ist, Deinem Freund oder Nachbarn zu erklären, dass Du dies wegen Deiner Achtung der nationalen Traditionen tust, ist es Dein Volk, das in Dir zu Deinem nationalen Bewusstsein appelliert und Dich zur Bewahrung der Traditionen auffordert. Sei sicher, dass Du dadurch von den anderen nicht verachtet, sondern von gebildeten und selbstbewussten Menschen geachtet wirst.

… Vergiss niemals, dass für uns, die fern von unserem Heimatland leben, unsere eigenen Traditionen das Heimatland in unserem Leben sind….“